Türken Deutscher Sprache

Die Kurzgeschichte "Die Chance" von Canan Can ist im Jahre 1984 im Deutschen Taschenbuch Verlag GmbH & Co KG, München erschienen.

Die Veröffentlichung dieser Kurzgeschichte erfolgt mit freundlicher Erlaubnis des dtv Verlags.

Canan Can
Die Chance

Sie hatte Angst. Angst vor den Deutschen. Sie war jetzt seit fünf Monaten in Deutschland. Bis jetzt hatte sie sich zu Hause versteckt und war nicht zur Schule gegangen. Sie hatte Angst, dass die anderen sie in der Klasse auslachen, weil sie kein Deutsch kann, weil sie nicht verstehen kann, was sie sagen.
In der Türkei ging sie in die fünfte Klasse. Die letzten drei Jahre war ihre Großmutter immer krank, und sie musste mit ihrem Großvater für sie sorgen. Sie machte den ganzen Haushalt und das Essen. Als die Großmutter nach drei Jahren starb, konnte sie nicht allein mit ihrem Großvater in dem kleinen Dorf wohnen. Ihre Eltern mussten sie nach Deutschland holen.
Als sie mit dem Flugzeug in Köln landete, warteten ihre Eltern und ihr kleiner Bruder schon auf sie. Ihren Bruder sah sie zum ersten Mal, er war anderthalb Jahre alt und konnte noch nicht richtig laufen.
Sie hatte sich sofort an ihren Bruder gewöhnt. Er war sehr lieb und mochte sie auch sehr. Ihren Eltern gegenüber war sie aber sehr zurückhaltend. Vorher hatte sie sie höchstens einmal im Jahr gesehen, und jetzt musste sie immer bei ihnen bleiben. Sie waren zwei Fremde für sie, wie eine Tante und ein Onkel, die sie nach dem Tod ihrer Eltern zu sich genommen hatten.
Das störte sie aber nach kurzer Zeit nicht mehr allzu sehr. Denn ein paar Monate später hatte ihre Mutter auch angefangen zu arbeiten, und sie war fast den ganzen Tag allein mit ihrem
Bruder. Es machte ihr Spaß, für ihn zu sorgen.
Dann kam der erste Brief. Sie musste zur Schule. Sie hatten ihr auch ein paar Adressen von verschiedenen Hauptschulen geschickt. Sie hatte ihren Eltern gesagt, dass sie nicht zur Schule gehen möchte, und sie gebeten, sie nicht zur Schule zu schicken. Aber zwei Monate später kam der zweite Brief. Wenn ihre Eltern sie nicht zur Schule schicken, müssten sie eine Geldstrafe bezahlen.
Sie kam in die fünfte Klasse der Hauptschule. In der Klasse waren zwei weitere türkische Jungen. Sie mussten wohl gut Deutsch können, denn sie unterhielten sich öfter auch unter
sich auf deutsch. An dem Tag fühlte sie sich wie taub und stumm. Ihre Eltern hatten mit dem Klassenlehrer etwas gesprochen und danach sie ganz allein in der Klasse gelassen. Sie saß neben einem anderen Mädchen, das sie sehr lange anstarrte, danach sagte das Mädchen irgend etwas. Sie aber antwortete ihr mit den Worten, die ihre Eltern ihr vorher beigebracht hatten. »Ich nix verstehen Deutsch«, sagte sie. Der Lehrer hatte sie kurz vorgestellt. Alle hatten sich umgedreht und starrten sie an. Auch danach drehte sich der eine oder andere um, manche lächelten ihr freundlich zu. Aber etwas später schienen sie sie vergessen zu haben und hörten dem Lehrer zu. Sie verstand kein Wort. Sie fühlte sich auf einmal sehr allein und hilflos. Sie spürte die Tränen in ihren Augen und nahm ihren Kopf in die Hände.
Es vergingen sechs schwere Monate für sie. Sie mochte Deutschland immer noch nicht, aber sie hatte sich schon an das neue Leben gewöhnt. Mit ihren Eltern verstand sie sich auch besser. Ihre Mutter konnte jetzt, seitdem sie zur Schule ging, nur halbtags arbeiten. Nämlich nachmittags, wenn sie auf ihren Bruder aufpassen konnte. Sie konnte ihre Klassenkameraden jetzt einigermaßen verstehen. Sie wusste nun, dass sie vor ihnen keine Angst haben musste. Sie hatten nichts gegen sie, sie waren aber auch nicht ihre Freunde. Sie hatten sie einfach in Ruhe gelassen.
Es waren nur die Lehrer, die sie nicht in Ruhe gelassen hatten. Sie verlangten immer mehr von ihr. »Du bist nicht auf dem Stand der Klasse«, sagte der Klassenlehrer immer. Wie sollte sie in der kurzen Zeit auch? Sie machte immer mehr Fortschritte in der deutschen Sprache, aber das war nicht genug. »Ich muss deine Eltern sprechen«, hatte der Klassenlehrer gesagt, »Was will er ihnen sahen?« fragte sie sich. Ob sie das Jahr wiederholen musste?
Sie hatte Angst, als sie zu Hause auf ihre Eltern wartete. Sie wollte nicht in eine andere Klasse kommen. Sie hatte sich gerade an die Klassenkameraden gewöhnt. »Sagt dem Lehrer, ich werde mich anstrengen, nächstes Jahr werde ich mich viel mehr anstrengen«, hatte sie ihren Eltern gesagt. In den Ferien würde sie sich viel Mühe geben, alle würden sich dann wundern, dass sie so gut Deutsch kann.
»Sie ist einfach nicht auf dem Stand der Klasse«, erzählte der Klassenlehrer den Eltern. »Es ist nicht nur in Deutsch, auch in anderen Fächern so. Wir haben ihr eine Chance gegeben, aber Sie müssen auch einsehen, dass sie nicht imstande ist, diese Schule zu besuchen.«
Ihre Eltern waren zurückgekommen, aber weder sagten sie irgend etwas, noch wagte sie, sie danach zu fragen. Sie ahnte etwas Schlimmes. Müsste sie das Jahr wiederholen? Nein, es war etwas anderes. Der Lehrer müsste was ganz Schlimmes erzählt haben. Sie hatte furchtbare Angst. Ihre Mutter setzte sich zu ihr. Sie sah sehr bedrückt aus. »Dein Lehrer sagt, dass du nicht auf dem Stand der Klasse bist.« »Aber ich werde mir doch Mühe geben. Ich werde es noch schaffen. Habt ihr ihm das nicht gesagt? Ich werde mir sehr viel Mühe geben«, unterbrach sie ihre Mutter und guckte sie erwartungsvoll und ängstlich zugleich an. Ihre Mutter machte eine Pause, dann sagte sie mühevoll: »Sie sagen, du musst in die Sonderschule.« Sie hatte das Gefühl, als ob sie in der Luft schweben würde, als ob sie in einem Alptraum wäre. Sie wünschte sich, jetzt aufzuwachen und diesen bösen Traum zu vergessen, denn es war kein Alptraum.
Kurzgeschichte
Türken deutscher Sprache dtv Verlag 1984 Türken deutscher Sprache Celestino Piatti unter Verwendung eines Fotos von Derya Özkan