Canan Rohde-Can
1965-2025

Autor: Thomas Will
Der Beitrag erschien erstmals in Bauwelt, Heft 24.2025.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Bauwelt.

Die Geschichte von Canan Rohde-Can beginnt
mit einer Flucht und endet mit ihrem allzu frühen Tod. Es ist dennoch eine Erfolgsgeschichte. Sie führt aus der Osttürkei, von wo die alevitische Familie vertrieben worden war, über Istanbul, wo Canan 1965 geboren und von ihrer Großmutter, einer unternehmerisch tätigen Analphabetin, erzogen wurde, ins Rheinland, wo sie als Vierzehnjährige mit ihren Schwestern wieder zu den Eltern kam. Nur dank der Beharrlichkeit der Mutter durfte sie das Gymnasium besuchen. Texte der Schülerin, die Eingang in die Migrantenliteratur fanden, erzählen von der bedrückenden Lebenswirklichkeit jener „doppelt Fremden“, der Gastarbeiterkinder, denen auch die Welt ihrer Kindheit, die sie nur noch in den Ferien aufsuchen konnten, in der Ferne verschwand. In Canans Fall aber nicht ganz – ihr Weg führte immer wieder auch zurück.

Als Kind auf Großmutters Baustellen dabei, wandte sie sich später selbst der Architektur zu. Sie studierte an der RWTH Aachen und, als Meisterschülerin von Ernst Kasper, an der Kunstakademie Düsseldorf. „Ein Zuhaus für mich“ hieß ihr erster Studienentwurf. 1987 bereiste sie China, als das gerade erst möglich wurde, und besuchte das Gebiet der turksprachigen Uiguren. Auf einer Städtebauexkursion wirkte sie danach an dem Film „Istanbul Gecekondu – Über Nacht gebaut“ mit, der den dortigen informellen Stadtrandsiedlungen nachging. Als Studentin bereits bei Wettbewerben erfolgreich, nahm Canan an der Internationalen Sommerakademie 1989 im Ruhrgebiet teil, wo sie mit Eckart Rohde zusammenarbeitete. 1992 heirateten sie – in Istanbul. Es folgten Lehrjahre in Düsseldorfer Büros, Mitte der 1990er Jahre aber zog es beide in den Osten. In Dresden fanden sie eine Fülle von Planungsaufgaben. Canan war eine Weile auch Mitarbeiterin am Lehrstuhl von Carlo Weber und dessen Nachfolger Ivan Reimann an der TU Dresden. Aus dieser Zeit blieb sie mir, vor allem aber ihren Studierenden als eine Persönlichkeit in Erinnerung, die zugleich Stärke und Herzlichkeit ausstrahlte. „What would Canan do?“, fragte man (Mies weiterdenkend) im Studio. Damals wäre sie gern selbst Professorin geworden; später nahm sie einmal eine Gastprofessur an der TH Nürnberg an. Über die Jahre stellte sie aber fest, dass ihr das eigene Büro und die damit verbundene Freiheit als Unternehmerin mehr bedeuteten. Enttäuscht auch von Erlebnissen in der einstigen politisierten Studentenszene meinte sie, sie sei gerne (erfolg-)reich.

Das 1998 gegründete Büro Rohdecan wurde dann tatsächlich eine Erfolgsgeschichte. Auf frühe Wettbewerbserfolge folgten viele weitere, vom Städtebau hin zu den zunehmend größeren, vorwiegend öffentlichen Bauaufgaben, die das Büro vor allem prägen (darunter Gerichts-, Schul-, Forschungs- und Laborgebäude in Dresden, Berlin, Erfurt, Hamburg, Jülich), bis zuletzt zum Lehr- und Laborgebäude der HTW Dresden (2017–24) und dem Hamburger Landeslabor für Hygiene und Umwelt (seit 2022). Dass Canans „Handschrift“ in diesem Werk nicht leicht herauszulesen ist, war nicht nur der Struktur eines großen Büros geschuldet. Die Offenheit der Ansätze war Prinzip, und bei den meist sachlich technisch bestimmten Bauaufgaben hat das erstaunlich gut funktioniert. Die Ergebnisse – überwiegend institutionelle Bauten, keine Villen, keine Museen – mögen auf manche spröde wirken; sie setzten aber Maßstäbe in Sachen Planungskultur, Professionalität, Sorgfalt in Konstruktion, Material und Detail und nicht zuletzt auf dem schwierigen Feld der Nachhaltigkeit. Ihre mit vielen Auszeichnungen gewürdigte Arbeit hat Canan Rohde-Can oft in Vorträgen und Ausstellungen gezeigt. Herausragend war sie nicht nur als Architektin. Mit ihrer Fähigkeit zu führen, zu beraten und Kritik zu äußern, ohne die Menschen zu verletzen, wurde sie in viele Preisgerichte berufen, meist als Vorsitzende. Lange wirkte sie auch in den Gestaltungsbeiräten von Erfurt und Wolfenbüttel.

Als Kind in das fremde Land gekommen, hat Canan sich eine Position und Reputation erworben, mit der sie ihren Berufsstand souverän vertrat. Dabei fühlte sie sich, wie sie 2015 in einem Fragebogen angab, „hervorragend integriert (10/ 10 Punkte)“. Als sie bald darauf eine Krebsdiagnose erhielt, begann sie, das Büro umzustrukturieren und ihre Nachfolge zu regeln. Einen Teil der verbleibenden Jahre verbrachte sie mit ihrem Mann in einem Sommerhaus in der Türkei. Auf einer Exkursion nach Vorarlberg erlebte sie 2024 die letzte intensive Zeit mit dem Büro, das ihr eine Familie war. Der Berufung in die Kunstkommission der Stadt Dresden konnte sie nicht mehr folgen. Im Mai 2025 ist Canan Rohde-Can in Dresden gestorben.
Canan Rohde-Can
Canan Rohde-Can * 1965 Istanbul † 2025 Dresden Canan Rohde-Can 1965-2025 Foto Wunderwald
Canan Rohde-Can
Studienreise - China Tibet Xinjiang 1987 Studienreise - China Tibet Xinjiang 1987 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
'Gecekondu über Nacht gebaut' - Dokumentationsfilm 1989 Gecekondu - Dokumentationsfilm 1989 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Sommerakademie mit Eckart Rohde - Ruhrgebiet 1989 Sommerakademie m. Eckart Rohde 1989 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Als Skulptur 'Die Reisende' - Bf Halle/Saale 1990 Skulptur 'Die Reisende' - Halle/Sa 1990 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Im 'Club Der Toten Architekten' - Aachen 1994 'Club Der Toten Architekten'- AC 1994 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Integration 10 von 10 Punkte - Richtfest 1996 Voll Integriert - Richtfest 1996 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Architektenmesse Orpheum - Dresden 1999 Architektenmesse - Dresden 1999 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Der erste 1. Preis - Schwäbisch Hall 1999 Der erste 1. Preis - Schwäbisch Hall 1999 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Die Architektin von Welt trägt Nomos - Werbung 1999 Nomos Werbung - 1999 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
In the middle of nowhere - Türkeiexkursion TUD 2000 In the middle of nowhere - TR 2000 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Gar nicht 'Außer Atem' - Exkursion TUD 2000 Gar nicht 'Außer Atem' - TR 2000 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
'The Shadow Of Her Smile' - Exkursion TUD 2000 'The Shadow Of Her Smile' - TR 2000 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Das Erste Projekt - Pergola Leipzig 2001 Das Erste Projekt - Pergola Leipzig 2001 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Rohdecan mit Till Rehwaldt - Dentalkosmetik 2002 mit Till Rehwaldt - Dresden 2002 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Immer Aufwärts - Büroxkursion Zollverein 2015 Immer Aufwärts - Zollverein 2015 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
La Corb - Dresden 2017 La Corb - Dresden 2017 Foto Wunderwald
Canan Rohde-Can
Immer Vorne - Büroexkursion Wien 2019 Immer Vorne - Exkursion Wien 2019 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Immer in Bewegung - Büroexkursion Prag 2018 Immer in Bewegung - Prag 2018 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Charity Golfturnier - Erfurt 2020 Charity Golfturnier - Erfurt 2020 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Rohdecan Breakoutsession - HTW Dresden 2023 Breakoutsession - HTW Dresden 2023 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Laborrunde Vortrag - Berlin 2024 Laborrunde Vortrag - Berlin 2024 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Team Rohdecan - Büroexkursion Vorarlberg 2024 Team Rohdecan - Vorarlberg 2024 Foto Rohdecan
Canan Rohde-Can
Immer Vorausschauend - Büroexkursion Vorarlberg 2024 Immer Vorausschauend - Bregenz 2024 Foto Rohdecan